"Integrieren statt ignorieren"

Immigranten im Horizont geistlicher Erfahrungen

 

Hanna Josua

 

Dieses Jahr stand die interkulturelle Woche Ende September unter dem Leitthema "Integrieren statt ignorieren". Für uns nichts Neues: Seit Gründung der Evangelischen Ausländerseelsorge 1989 war und ist dies faktisch und praktisch unser Ziel: Immigranten, schwerpunktmäßig arabisch Sprechende, zu integrieren statt sie zu ignorieren. Deshalb möchten wir an Hand unseres Jahresfest-Mottos zeigen, wie wir durch den Geist der Furchtsamkeit angefochten, aber durch den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit immer wieder neu gestärkt und be-Geist-ert unserer Arbeit nachgehen.

 

GEIST DER BESONNENHEIT bedeutet für uns nicht naives Gutmenschentum. Integration fängt mit einer Forderung an die Immigranten an: nämlich, sie in die Pflicht zu nehmen, Aufgaben der Gesellschaft an sie zu delegieren, und Verantwortung von ihnen fordern. Nur: Es kommt auf den Ton an, in dem diese Forderung gestellt wird, nämlich nicht von oben herab. Wir als arabischstämmige Mitarbeiter begegnen ihnen auf gleicher Augenhöhe, und wir stellen diese Forderung, weil wir über das Heute hinausschauen und die gesamtgesellschaftliche Entwicklung im Blick haben. Die "Besonnenheit" unseres Bibelverses bedeutet im Griechischen nämlich auch die objektive Urteilskraft, das Kalkulieren und Vorausplanen. Das heißt konkret, daß wir ihnen helfen und zugleich zeigen, was für sie und für diese Gesellschaft dienlich ist. Es wäre fatal, Ghettos als Fremdkörper aufzuhäufen mit Menschen, die sich als Fremdkörper fühlen – und eines Tages entsprechend handeln werden.

 

GEIST DER LIEBE heißt für uns: Im Laufe des Integrationsprozesses lernen wir voneinander. Man wird selbst bereichert durch Elemente aus ihrem kulturellen Leben, die einem vielleicht abhanden gekommen sind, etwa der überwältigenden orientalischen Gastfreundschaft. Christen aus dem Nahen Osten können die westliche Christenheit aber auch durch ihren Glauben bereichern, indem sie durch ihren orientalischen Hintergrund und Tradition den Verständnishorizont der biblischen Texte erweitern. Unser höchstes Ziel bleibt jedoch, arabische Christen in die Gemeinden zu integrieren, und Nichtchristen das Evangelium nahebringen und beide Gruppen im christlichen Glauben Heimat finden lassen.

 

Der GEIST DER KRAFT ist das unabdingbare Fundament, auf dem wir arbeiten: Die Kraft Gottes, die allein furchtlos macht, weil wir wissen, daß sie selbst den Tod besiegt hat.

 

Aus dem GEIST DER FURCHTSAMKEIT heraus werden Immigranten oft ignoriert. Das kann verheerende gesellschaftliche und geistliche Konsequenzen haben: Manchmal kaschiert es nur unsere eigene Flucht vor den harten und unbarmherzigen Realitäten des Lebens von Migranten hier und in anderen Teilen dieser Erde. Gleichzeitig bedeutet diese Flucht: sich nur mit sich selbst und eigenen Angelegenheiten beschäftigen, und sich somit der Verantwortung für viele Geschehnisse in dieser Welt entziehen.

 

Sie zu ignorieren bedeutet aber auch: unseren Evangeliumsauftrag nicht ernst genug nehmen, daß wir Boten Christi sind bis an der Welt Ende. Und wenn das Ende der Welt zu uns kommt, dann sind wir zum Handeln aufgefordert: ihnen im Geiste der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit durchs Evangelium von Gott her zu begegnen und mit ihnen im Gespräch zu sein.

 

Gewiß, die verheerenden Ereignisse in der islamischen Welt und die Berichterstattung darüber sind durchaus geeignet, den Mut fallen zu lassen. Nur: mit Mißtrauen, Panik und dem Gefühl von Bedrohung ist niemandem geholfen. Besonnenheit führt zu nüchternem Denken und Handeln – und nicht zu kopfloser Panik. Vergessen wir es nicht:

"Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe – zu Gott und zu allen seinen Geschöpfen – treibt die Furcht aus!"

Durch die Kraft des Evangeliums in uns können wir angstfreie Begegnungen mit Immigranten pflegen – und nur dann können sie konstruktiv und integrationsfördernd sein.